Süßes oder Saures?
Als ich noch ein kleiner Bengel war, war es üblich am 10. November (der Geburtstag von Martin Luther) mit einer Laterne bewaffnet durch die Straßen zu ziehen, sämtlicher Nachbarschaft ein Liedchen vorzuträllern und dafür dann je nach Ehrgeiz und Ausdauer massig Süßigkeiten, Nüsse und Obst abzustauben. Irgendwann kannte man seine Pappenheimer und machte in den folgenden Jahren um die Obst- und Nusshäuser einen großen Bogen.
Wenn man älter wurde, war es dann nicht mehr so cool mit der Laterne rumzuziehen und man lief mit Masken verkleidet durch die Straßen. Dies war wiederum die beste Möglichkeit schon in jungen Jahren ganz anonym seine Erfahrungen mit Alkohol zu machen, auch wenn der Kurze durch den Strohhalm etwas komisch schmeckt.
Als ich klein war und sich "Martini" näherte (ab Rhauderfehn wars dann der Martinstag und ´nen tag später), kaufte meine Mutter nicht selten für 50 oder mehr Kinder Süßigkeiten ein und manchmal reichte auch das nur knapp. In den letzten Jahren war es viel, wenn 10 Kinder da waren. Wenn überhaupt.
Und nun klingelt es gerade bei mir an der Tür und ein Haufen verkleideter Göhren wollen Süßigkeiten von mir. Halloween. Bitte? Wer bringt den Kindern so einen Scheiß bei!? Wo sind wir denn hier!?
Mein Nachbar guckte ebenso verdutzt, konnte aber wohl noch ein paar Hustinetten o. ähnliches auftreiben. Als die Kinder davon abgelenkt waren, hab ich mich wieder verkrümelt.
Martini stirbt aus und Halloween kommt?
Den Kindern kann man ja irgendwie keinen Vorwurf machen, denn seit Tagen wird wieder in diversen Serienspecials von den Simpsons, Heffernans und Spongebobs Halloween zelebriert und um die Kinder auf den Punkt genau fit zu machen. Und die Eltern spielen das Spiel mit und gehen mit ihren Kindern hausieren und implizieren den armen Göhren, dass es sich so gehört. Dass es vor 5 Jahren auch in Hamburg kein Mensch gemacht hat und somit die Kinder auch heute nur in Ausnahmefällen über ein paar Hustinetten und ein Schulterzucken hinauskommen is egal, wir machens nächstes jahr wieder, irgendwann wird sich das schon etablieren.
Nach McDonalds, Coca Cola und Studiengebühren nun also auch Halloween. Was kommt als nächstes? Muss ich in 20 Jahren meinem hypothetischen Sohn Geld geben, damit er für seine Begleiterin zum Abschlussball ne Stretchlimmo mieten kann?
Man merkt, ich halte nix davon ur-amerikanischen Traditionen zu übernehmen. Muss auch wirklich nicht sein. Gern hätte ich der Mutter von vorhin gesagt, dass sie ihre Kinder gerne nochmal am 10. (oder zur Not am 11.) November vorbeischicken könne, dann hätte ich auch was da. Aber der Kampf is doch eh schon verloren.
Hätte ja nie gedacht, dass ich mal Walter Ulbricht zitiere, aber: "Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen?"
Der Osten hat den Westen nicht kopiert, er ist der Westen geworden. Denkt mal drüber nach...


